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Eiszeit

Im Winter auf meinem Weg zum Kunden stand ein junger Mann neben seinem havarierten Auto am Straßenrand und telefonierte gerade. Bei minus sieben Grad war er sichtlich am frieren und die Scheiben seines Fahrzeugs waren schon völlig vereist. Zunächst fuhr ich vorbei, allerdings war mir bis zur nächsten Abfahrt klar dass er höchst wahrscheinlich ein ernsthaftes Problem hatte, zumindest mit der Kälte. Also drehte ich um, auch in der Vermutung dass so schnell wohl keiner anderer halten würde.

Als ich bei dem ca. 20jährigen Mann ankam bestätigten sich meine Vermutungen. Er saß zitternd im Auto. Er versuchte seit einer Stunde einen Pannendienst zu bekommen, der sich auch in zwei weiteren Stunden angekündigt hat. Da sein Sprit und mittlerweile auch seine Batterie leer waren, nahm ich ihn mit bis zur nächsten Tankstelle, wo in später seine Schwester aufpicken sollte. Er hatte schon blaue Lippen und saß zitternd neben mir. Kein Wunder, denn er hatte nur ein leichtes Windjäckchen an und weder Mütze noch Handschuhe.

Wie zivilisationsgeschädigt entwickelt sich unser Nachwuchs, oder sind wir schon selber mit dabei? Gibt es keine App für warme Finger? Hat jeder Mensch, der am Straßenrand steht und telefoniert auch eine Lösung für sein Problem? Brauchen wir eine neue Art von Sensibilität und Empathie im Zeitalter der allgengewärtigen Kommunikation? Wir entwickeln, so scheint es, eine neue Art von Naivität und das, obwohl wir mit unseren Smartphones doch ebenso smart aussehen.

Die letzte Generation, also unsere, hätte sich mit dem Reservekanister (den er tatsächlich dabei hatte) an den Straßenrand gestellt und gewunken, oder wir hätten uns zu Fuß auf den Weg zur nächsten Tankstelle gemacht (hier: 3,5km). Gewisse Gepflogenheiten aus unserer Kindheit sind mittlerweile ausgestorben. Regeln wie: „Wenn wir uns aus den Augenverlieren treffen wir uns an einem bestimmten Punkt.“ Oder wenn das Handy versagt, dass man irgendwo klingelt und jemanden bittet einen Anruf zu tätigen.

Wir haben keine Notfallregeln mehr, die eine gewisse Allgemeingültigkeit haben. Wer hat heute schon noch 20 Cent als Notfallgroschen in der Tasche und wo sollte man sie reinstecken um zu telefonieren?

Selbst die Schwester die den armen Kerl abholen wollte, hat ihn erst einmal wegen eines Kundentermins vertröstet. Wahrscheinlich konnte sie es sich nicht vorstellen, dass ihr Bruder in unserer durchorganisierten Welt sich in einer annähernd gefährlichen Situation befand. Wir haben eine neue Art von Problemen. Sie sind nicht mehr so offensichtlich und tauchen auch nur sehr selten auf, aber sie fordern nach Lösungen. Im Vertrauen auf die Intelligenz der Community und des Crowdsourcings wollen wir es aber mal ihnen überlassen, verbunden mit der Hoffnung nicht eine neue Eiszeit der Mitgefühllosigkeit heraufzubeschwören.